Die Orthodoxie


Der Bruch zwischen der Östlichen und der Westlichen Kirche

Der historische Weg des Christentums in den vergangenen 2000 Jahren ist ziemlich kompliziert und vielgestaltig. Das erklärt sich daher, dass es neben dem göttlichen auch das menschliche Element in der Kirche gibt, welches oftmals essentiell unchristliche Formen annimmt und damit die christlichen Werte kompromittiert. Das bedauerlichste Faktum in der Geschichte des Christentums sind die Ereignisse des 16. Juli 1054, als bei der Synode in Konstantinopel die päpstlichen Legaten auf dem Altar der Sophienkathedrale eine Bulle niederlegten, mit der sie den Patriarchen von Konstantinopel und die ganze Östliche Kirche exkommunizierten.

Es gibt viele Gründe für dieses Geschehnis, aber die Hauptgründe sind das Streben der römischen Bischöfe nach Vorherrschaft über die gesamte Kirche und die Streitfrage des “Filioque”. Mit diesem Akt des Jahres 1054 begann ein Prozess der gegenseitigen Entfremdung, der allmählich in gegenseitigen Hass überging. Im Laufe der Zeit formten sich im Westen noch andere Glaubensunterschiede heraus. Die Annäherungsversuche durch die Jahrhunderte erwiesen sich als erfolglos, denn auf beiden Seiten fehlten Zuneigung und Aufrichtigkeit. Die beiden Unionen (1274 in Lyon und 1440 in Florenz) brachten kein Ergebnis, denn es lagen ihnen politische Motive zugrunde.

Heute gibt es Bedingungen, die der Schaffung von freundschaftlichen christlichen Beziehungen zwischen beiden Kirchen förderlich sind. Das Resultat dieser Beziehungen ist der vor einigen Jahren begonnene theologische Dialog, der als Ziel vor allem die Überwindung der Glaubensunterschiede hat.

Die Reformation (16. Jht.)

Nach dem Bruch im Jahre 1054 schlug die Römisch-Katholische Kirche den Weg des Absolutismus ein. Mehr und mehr beherrschte sie völlig das Leben der westlichen Christen. Reformversuche unternahmen im Westen einige Regierungen und auch Einzelpersönlichkeiten wie John Wyclif (+1324) in England, Jan Hus (+1415) in Tschechien und Savonarola (+1497) in Italien. Diese drei waren Eiferer für die Reinheit des Glaubens und der Frömmigkeit und kämpften gegen Neueinführungen auf dem Gebiet der Glaubenslehre und gegen den moralischen Verfall in der Kirche. Trotz der Versuche der Inquisition, alle Reformversuche zu brechen, nahm die Zahl der Unzufriedenen zu.

In Deutschland fand die Unzufriedenheit ihren Ausdruck in Martin Luther (1483-1546). In diesem Sinne wirkten auch Ulrich Zwingli (1484-1531) in der deutschen Schweiz und ein wenig später Jean Calvin (1509-1564) in der französischen Schweiz. Damit war der Beginn der Reformation gesetzt.

Als Ergebnis der Reformation ergaben sich im religiösen Leben des Westens wesentliche Veränderungen. Das Resultat war die Entstehung des Luthertums und der Reformation, die unter der gemeinsamen Bezeichnung Protestantismus in die Geschichte eingegangen sind.

Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen Orthodoxen, Katholiken und Protestanten

Ähnlichkeiten

Die drei Hauptrichtungen des Christentums stimmen in ihrem Glauben an den einen Gott und an Jesus Christus als den Mensch gewordenen Sohn Gottes und Erlöser der Menschen von Sünde und Tod überein. Gleich ist ihr Glaube an die Dreifaltigkeit Gottes. Sie anerkennen auch das nizäno-konstantinopolitanische Glaubensbekenntnis.

Unterschiede

Diese Frage ist schwieriger. Es gibt Glaubenswahrheiten, in denen sich die Orthodoxen und Katholiken von den Protestanten unterscheiden; es gibt solche, in denen sich Katholiken und Protestanten von den Orthodoxen unterscheiden; und es gibt andere, in denen sich Orthodoxe und Protestanten von den Katholiken unterscheiden.

  1. Die Orthodoxen und Katholiken anerkennen sieben Sakramente, beten für die Verstorbenen und zu den Heiligen, verehren Reliquien und Ikonen, bekreuzigen sich und akzeptieren die Heilige Schrift und die Heilige Überlieferung. Die Protestanten anerkennen zwei Sakramente (Taufe und Abendmahl) und nur die Heilige Schrift. Sie lehnen die Heilige Überlieferung und die früher erwähnten Punkte ab.

  2. Trotz der wesentlichen Unterschiede zwischen Katholiken und Protestanten, gibt es Punkte, in denen sie einig sind. Z.Bsp.: sie anerkennen das Filioque und sie verwenden das sog. Apostolische Glaubensbekenntnis. Die Orthodoxen lehnen das Filioque und das sog. Apostolische Glaubensbekenntnis ab.

  3. Die Orthodoxen und die Protestanten anerkennen die römisch-katholischen Neuerungen nicht: die Dogmen von der unbefleckten Empfängnis der hl. Jungfrau Maria und von der leiblichen Aufnahme Marias in den Himmel; den Primat des Papstes. Der letztere ist für die Katholiken von außerordentlicher Wichtigkeit.

Die aus dem Protestantismus entstandenen Sekten

Die Reformation führte zu einer Dezentralisierung der Kirchenleitung und zu einer individuellen Auffassung und Interpretation des Wortes Gottes. Dies bildete die Voraussetzung für die Abtrennung kleinerer oder größerer Gruppen von den in der Reformation entstandenen Kirchen - von der Lutherischen, Reformierten und Anglikanischen Kirche.

Ursprünglich war die Zahl diese Sektengemeinschaften klein, aber sie vermehrte sich von der Mitte des 19. Jhts. an unwahrscheinlich schnell. Heute soll es ca. 2000 solcher Gemeinschaften geben. Einige von ihnen haben viele Mitglieder, andere nur wenige. Einige sind rational ausgerichtet, andere mystisch. Ab der Mitte des 20. Jhts. nimmt die Zahl der Sekten mit mystischer Ausrichtung schnell zu. Man spricht über viele und verschiedenartige charismatische Bewegungen.

Bis zum Ende des Jahres 1989 gab es in Bulgarien 5 aus dem Protestantismus entstandene Glaubensgemeinschaften: Kongregationalisten, Methodisten, Baptisten, Adventisten und Pfingstler. Es gab auch 4 nichtchristliche Formen: Spiritisten, Theosophen, Danov-Anhänger und Tolstoj-Anhänger (unerwähnt bleiben hier das Judentum und der Islam, die bei uns seit Jahrhunderten existieren).

In den letzten zehn Jahren entstand in Bulgarien eine große Zahl neuer christlicher und nichtchristlicher Gemeinschaften. Mehr als 30 sind offiziell registriert, aber viel mehr sind nicht registriert. Einige von ihnen sind ziemlich aggressiv und bedienen sich unkorrekter Mittel. Am häufigsten greifen sie die Orthodoxe Kirche an. Sie ziehen im Glauben nicht gefestigte junge Menschen an. Sie verachten unsere jahrhundertealten (geistigen und kulturellen) nationalen Werte. In ihrer Arbeit stützen sie sich auf ihre stabilen Finanzmittel, die sie aus dem Ausland beziehen.

Das Nicäno-Konstantinopolitanische Glaubensbekenntnis

Die Christenverfolgungen, die fast 300 Jahre andauerten, wurden zu Beginn des 4. Jhts. schwächer. Damals verbreitete sich in der Kirche die Irrlehre des Arius, die sich für das christliche religiöse Leben als ziemlich gefährlich erwies. Der Arianismus lehnte die Dreifaltigkeit Gottes und das Erlösungswerk Jesu Christi ab. Die Kirche reagierte rechtzeitig auf diese Häresie.

Auf dem 1. Ökumenischen Konzil in Nicäa im Jahre 325 erarbeiteten die Konzilsväter eine kurze Glaubensdefinition (7 Artikel und Beginn des 8. Artikels).

Aus dem Arianismus entstand die Häresie der Makedonianer, welche die Göttlichkeit der dritten Person der hl. Dreifaltigkeit - des Heiligen Geistes - bestritt.

Im Jahre 381 wurde in Konstantinopel das 2. Ökumenische Konzil einberufen. Es erarbeitete eine neue Glaubensdefinition, die in die Geschichte als Nicäno-Konstantinopolitanisches Glaubensbekenntnis einging. Dieses Symbolum heißt nicäno-konstatinopolitanisch, weil die Konzilsväter die vorher in Nicäa erarbeiteten sieben Glaubensartikel übernahmen, stilistisch glätteten und theologisch präzisierten. Sie vervollständigten den 8. Artikel (über den Heiligen Geist) und formulierten noch 4 neue Artikel. Der gesamte Text des Glaubensbekenntnisses ist in 12 Artikel eingeteilt.

Der Text des in Nicäa und Konstantinopel erarbeiteten Glaubensbekenntnisses lautet:

  1. Ich glaube an den einen Gott, den Vater, den Allmächtigen, der alles geschaffen hat, Himmel und Erde, die sichtbare und die unsichtbare Welt,
  2. und an den einen Herrn Jesus Christus, Gottes eingeborenen Sohn, aus dem Vater geboren vor aller Zeit: Licht vom Licht, wahrer Gott vom wahren Gott, gezeugt, nicht geschaffen, eines Wesens mit dem Vater, durch Ihn ist alles geschaffen.
  3. Für uns Menschen und zu unserem Heil ist Er vom Himmel gekommen, hat Fleisch angenommen durch den Heiligen Geist von der Jungfrau Maria und ist Mensch geworden.
  4. Er wurde für uns gekreuzigt unter Pontius Pilatus, hat gelitten und ist begraben worden,
  5. ist am dritten Tage auferstanden nach der Schrift
  6. und aufgefahren in den Himmel. Er sitzt zur Rechten des Vaters
  7. und wird wiederkommen in Herrlichkeit, zu richten die Lebenden und die Toten; Seiner Herrschaft wird kein Ende sein.
  8. Ich glaube an den Heiligen Geist, der Herr ist und lebendig macht, der aus dem Vater hervorgeht, der mit dem Vater und dem Sohn angebetet und verherrlicht wird, der gesprochen hat durch die Propheten,
  9. und die eine, heilige, allumfassende und apostolische Kirche.
  10. Ich bekenne die eine Taufe zur Vergebung der Sünden.
  11. Ich erwarte die Auferstehung der Toten
  12. und das Leben der kommenden Welt. Amen.

Die von Gott geoffenbarten Wahrheiten, die im Glaubensbekenntnis ihre verbale Formulierung gefunden haben, sind folgende: die Wahrheit vom wesenseinen und in den Personen dreifaltigen Gott; vom Ziel der Inkarnation; vom Leiden am Kreuz, vom Tod, von der Auferstehung und Himmelfahrt Jesu Christi; von Seinem zweiten Kommen und Seiner Herrschaft; vom Heiligen Geist; von der Kirche; von den Sakramenten; von der Auferstehung der Toten und vom ewigen Leben.

Im Glaubensbekenntnis gibt es drei wichtige Elemente;: 1. das Glaubenselement, 2. das Bekenntniselement und 3. das eschatologische Element.

Das Glaubenselement, das in den Artikeln 1-9 enthalten ist, wird innerlich angenommen, durch das Herz des Menschen.

Das Bekenntniselement ist im Artikel 10 enthalten. Es wird äußerlich ausgedrückt und bezeugt, durch den Mund.

Das eschatologische Element ist in den Artikeln 11 und 12 enthalten. Es ist der natürliche und logische Abschluss oder das Resultat der beiden ersten Elemente. Diese drei Elemente sind untrennbar miteinander verbunden.

Das Glaubensbekenntnis ist ein teures Erbe, das uns aus dem Altertum vermacht wurde. Die Orthodoxe Kirche hat es durch die vergangenen 16 Jahrhunderte in seiner ursprünglichen Form bewahrt und kein einziges Wort verändert, nicht einmal einen einzigen Buchstaben. In dieser seiner unveränderten Gestalt legt sie es auch heute den orthodoxen Christen vor.